Teil II: Internationale Perspektiven, Ambulantisierung und Strukturwandel
Internationaler Vergleich: Deutschland als Ausnahme in der Bettenentwicklung
Während viele europäische Länder in den letzten 15 Jahren ihre stationären Kapazitäten im psychiatrischen Bereich reduziert haben, zeigt Deutschland im OECD-Vergleich einen gegenläufigen Trend. Zwischen 2008 und 2022 ist die Zahl der psychiatrischen Betten hierzulande kontinuierlich gestiegen – von 1,13 auf 1,31 Betten je 1.000 Einwohner. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich deutlich über dem Durchschnitt.
Zum Vergleich: In Ländern wie Frankreich, Polen oder Italien ist die Bettenzahl im gleichen Zeitraum zum Teil deutlich gesunken. Selbst in Ländern mit hoher Versorgungsdichte wie der Schweiz oder Österreich zeigt sich eher eine Stagnation.
Diese Entwicklung unterstreicht, dass Deutschland im internationalen Kontext weiterhin stark auf stationäre Angebote setzt – was sowohl mit der Versorgungsstruktur als auch mit regulatorischen Rahmenbedingungen zu tun haben dürfte. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie tragfähig dieses Modell angesichts von Fachkräftemangel und Ambulantisierungstrends langfristig ist.

Ambulante Versorgung: Ausbau mit Herausforderungen
Parallel zur stationären Versorgung zeigt auch der ambulante Bereich eine dynamische Entwicklung. Die Zahl der vertragsärztlichen Behandlungsfälle in den psychischen Disziplinen stieg zuletzt jährlich um bis zu 8 %. Besonders ausgeprägt ist der Trend bei Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen. Auch die Zahl der behandelnden Fachärzt:innen wächst, wenn auch langsamer als die Fallzahlen.
Ein bedeutsames Element in der psychiatrischen Versorgung sind die psychiatrischen Institutsambulanzen (PIAs) und psychosomatischen Institutsambulanzen (PsIAs). Sie verzeichneten 2023 insgesamt über 3 Mio. Behandlungsfälle – ein Zuwachs von 16 % seit 2020. Sie sind zu einer wichtigen Säule in der ambulanten Versorgung geworden und werden durch die Kliniken betrieben. Auch hier bestehen deutliche regionale Unterschiede, die sich in der Analyse der Fallzahlen pro 100.000 Einwohner für die PIAs und PsIAs zeigen. Bremen fällt an dieser Stelle durch eine besonders hohe Fallzahl pro 100.000 Einwohner auf.

Tageskliniken als Bindeglied: Angebot steigt deutlich
Die Zahl tagesklinischer Behandlungsplätze nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Zwischen 2018 und 2023 stieg die Zahl der tagesklinischen Plätze in der Psychiatrie und Psychosomatik um rund 20 %. Auch hier ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie ein Wachstumstreiber.

Ausblick: Ambulantisierung und Personal als Schlüsselfaktoren
Die Marktstudie zeigt: Die Nachfrage nach psychiatrischen und psychosomatischen Leistungen ist gestiegen – angetrieben durch demografische Entwicklungen, zunehmende Akzeptanz psychischer Erkrankungen, Digitalisierung und gesellschaftliche Belastungen, kann auch weiterhin mit steigenden Versorgungsbedarfen gerechnet werden.
Dabei steht das System vor einem zentralen Engpass: dem Fachkräftemangel. Schon heute fehlen in vielen Regionen qualifizierte Fachärzt:innen und Therapeut:innen und das IQTIG kommt im aktuellen Quartalsbericht zu dem Ergebnis, dass die Mindestvorgaben gemäß § 7 Abs. 4 PPP-RL für Erwachsenenpsychiatrie, Psychosomatik bzw. Kinder- und Jugendpsychiatrie in fast 60% der Fälle nicht erfüllt sind1. Eine zukunftsfähige Versorgung erfordert daher neue, sektorenübergreifende Versorgungsformen, einen verstärkten Einsatz digitaler Lösungen sowie einen weiteren Ausbau ambulanter Strukturen. Dafür braucht es auch in der Psychiatrie Reformen, um die dafür notwendigen politischen Rahmbedingungen schaffen zu können.
Autor Lukas Sobek
Ansprechpartnerin: Isabel Bertsch
Referenzen
1 Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG). (2024). Strukturabfrage zur Personalausstattung in Psychiatrie und Psychosomatik. https://iqtig.org/downloads/berichte/2024/Quartalsbericht_Strukturabfrage_PPP_2024-1_V1.1_20240913.pdf