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Marktstudie Psychiatrie, Psychosomatik und Kinder- und Jugendpsychiatrie

Teil II: Internationale Perspektiven, Ambulantisierung und Strukturwandel

26. August 2025

Marktstudie Psychiatrie, Psychosomatik und Kinder- und Jugendpsychiatrie

Isabel Bertsch

, Lukas Sobek

Teil II: Internationale Perspektiven, Ambulantisierung und Strukturwandel

Internationaler Vergleich: Deutschland als Ausnahme in der Bettenentwicklung

Während viele europäische Länder in den letzten 15 Jahren ihre stationären Kapazitäten im psychiatrischen Bereich reduziert haben, zeigt Deutschland im OECD-Vergleich einen gegenläufigen Trend. Zwischen 2008 und 2022 ist die Zahl der psychiatrischen Betten hierzulande kontinuierlich gestiegen – von 1,13 auf 1,31 Betten je 1.000 Einwohner. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich deutlich über dem Durchschnitt.

Zum Vergleich: In Ländern wie Frankreich, Polen oder Italien ist die Bettenzahl im gleichen Zeitraum zum Teil deutlich gesunken. Selbst in Ländern mit hoher Versorgungsdichte wie der Schweiz oder Österreich zeigt sich eher eine Stagnation.

Diese Entwicklung unterstreicht, dass Deutschland im internationalen Kontext weiterhin stark auf stationäre Angebote setzt – was sowohl mit der Versorgungsstruktur als auch mit regulatorischen Rahmenbedingungen zu tun haben dürfte. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie tragfähig dieses Modell angesichts von Fachkräftemangel und Ambulantisierungstrends langfristig ist.

Anmerkung. Bettendichte im Psych-Bereich. Bettendichte = Anzahl der Betten pro 1.000 Einwohner. Daten beziehen sich auf die Jahre 2008-2022; Quelle: OECD.

Ambulante Versorgung: Ausbau mit Herausforderungen

Parallel zur stationären Versorgung zeigt auch der ambulante Bereich eine dynamische Entwicklung. Die Zahl der vertragsärztlichen Behandlungsfälle in den psychischen Disziplinen stieg zuletzt jährlich um bis zu 8 %. Besonders ausgeprägt ist der Trend bei Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen. Auch die Zahl der behandelnden Fachärzt:innen wächst, wenn auch langsamer als die Fallzahlen.

Ein bedeutsames Element in der psychiatrischen Versorgung sind die psychiatrischen Institutsambulanzen (PIAs) und psychosomatischen Institutsambulanzen (PsIAs). Sie verzeichneten 2023 insgesamt über 3 Mio. Behandlungsfälle – ein Zuwachs von 16 % seit 2020. Sie sind zu einer wichtigen Säule in der ambulanten Versorgung geworden und werden durch die Kliniken betrieben. Auch hier bestehen deutliche regionale Unterschiede, die sich in der Analyse der Fallzahlen pro 100.000 Einwohner für die PIAs und PsIAs zeigen. Bremen fällt an dieser Stelle durch eine besonders hohe Fallzahl pro 100.000 Einwohner auf.

Anmerkung. Psychiatrische und psychosomatische Institutsambulanzen nach § 118 SGB V. Daten beziehen sich auf 2023; Quelle: Statistisches Bundesamt, Grunddaten der Krankenhäuser.

Tageskliniken als Bindeglied: Angebot steigt deutlich

Die Zahl tagesklinischer Behandlungsplätze nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Zwischen 2018 und 2023 stieg die Zahl der tagesklinischen Plätze in der Psychiatrie und Psychosomatik um rund 20 %. Auch hier ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie ein Wachstumstreiber.

Anmerkung. CAGR = Compound Annual Growth Rate (Jährliche Wachstumsrate); Quelle: Statistisches Bundesamt, Grunddaten der Krankenhäuser KH.

Ausblick: Ambulantisierung und Personal als Schlüsselfaktoren

Die Marktstudie zeigt: Die Nachfrage nach psychiatrischen und psychosomatischen Leistungen ist gestiegen – angetrieben durch demografische Entwicklungen, zunehmende Akzeptanz psychischer Erkrankungen, Digitalisierung und gesellschaftliche Belastungen, kann auch weiterhin mit steigenden Versorgungsbedarfen gerechnet werden.

Dabei steht das System vor einem zentralen Engpass: dem Fachkräftemangel. Schon heute fehlen in vielen Regionen qualifizierte Fachärzt:innen und Therapeut:innen und das IQTIG kommt im aktuellen Quartalsbericht zu dem Ergebnis, dass die Mindestvorgaben gemäß § 7 Abs. 4 PPP-RL für Erwachsenenpsychiatrie, Psychosomatik bzw. Kinder- und Jugendpsychiatrie in fast 60% der Fälle nicht erfüllt sind1. Eine zukunftsfähige Versorgung erfordert daher neue, sektorenübergreifende Versorgungsformen, einen verstärkten Einsatz digitaler Lösungen sowie einen weiteren Ausbau ambulanter Strukturen. Dafür braucht es auch in der Psychiatrie Reformen, um die dafür notwendigen politischen Rahmbedingungen schaffen zu können.

Autor Lukas Sobek

Ansprechpartnerin: Isabel Bertsch

Referenzen

1 Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG). (2024). Strukturabfrage zur Personalausstattung in Psychiatrie und Psychosomatik. https://iqtig.org/downloads/berichte/2024/Quartalsbericht_Strukturabfrage_PPP_2024-1_V1.1_20240913.pdf

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